Ruedi Gerber

Die Entstehung der drei Filme


Als Anna Halprin und ich uns 1982 anlässlich eines Workshops kennen lernten, trat sie nicht mehr öffentlich auf. Sie war mit der Entwicklung von Tanz als Therapie und Mittel zur Heilung beschäftigt und sollte damit der Welt der Kunst- und Tanztherapie entscheidende Impulse liefern. Damals war ich Schauspieler am deutschen Staatstheater und interessierte mich für Anna Halprin als Performancekünstlerin, die mittels Bewegung die Überschneidungen von Theater und Tanz mit dem gelebten Leben erforschte. Mein eigenes Interesse galt dem Umgang mit Echtzeit und authentischer Improvisation auf der Bühne. Ich war von Anna fasziniert, davon, wie sie die Grenzen des Theaters erweiterte und von ihrer Fähigkeit, die Kreativität anderer Menschen freizusetzen. Jahre später sollte mich ihre Haltung bei meinem Entschluss, Filmemacher zu werden und mit Fiktion und Wirklichkeit zu experimentieren, stark beeinflussen.
Breath Made Visible

In den nächsten zwanzig Jahren hatten Anna und ich nur losen Kontakt. Wir trafen uns erst im Februar 2002 wieder, anlässlich ihrer Show im Joyce Theater. Da war sie wieder, in aller ihrer Präsenz. Es war unglaublich, mit über achtzig Jahren kehrte sie auf die Bühne und damit zu ihren Anfängen zurück! Für ihren Eröffnungsauftritt führte sie mit Iko und Komo ein Stück im Butoh-Stil auf. Danach folgte ein 15-minütiges Solo, in dem sie ihre Lebensgeschichte tanzte und erzählte. Manchen Zuschauern kamen die Tränen. Und auch ich war tief von dieser Frau berührt. In einer Welt von Posen und konkurrierenden Stilisierungen erlebte ich die Präsenz von jemandem, den ich als ganz und gar authentisch empfand und dessen Botschaft universell war – es war eine Befreiung! Auch das Publikum spürte ihre Unmittelbarkeit, ihre direkte, auf ihrem Alltag beruhende Kunst.
Ihre Show weckte in mir den Wunsch, einen Film zu machen, der das Publikum so berühren würde, wie Annas Auftritte ihr Publikum berührten. Als ich von Anna erfuhr, dass niemand ihre Performance aufgenommen hatte, griff ich am letzten Abend selbst zur Kamera. Leider war es schon zu spät, um eine Erlaubnis für einen Dreh hinter den Seitenkulissen zu erhalten, aber wenigstens konnten wir aus einer Ecke hinter dem Publikum filmen.
Anna lud mich daraufhin ein, im kommenden Sommer an ihrem Workshop teilzunehmen. Ich zögerte, gerade war mein erster Spielfilm fertig gestellt, „Heartbreak Hospital“, und ich fühlte mich nicht in Form, um mit professionellen Tänzern aus Japan, Australien, Frankreich und den USA zu tanzen und zu performen.
Schließlich nahm ich ihre Einladung an und fuhr mit meiner Filmkamera zu Anna Halprin nach Kalifornien. Leider scheiterte dieser erste Versuch, Anna bei der Arbeit zu Filmen daran, dass sich einige der TeilnehmerInnen nicht filmen lassen wollten. Und obwohl Anna versuchte sie umzustimmen, konnte ich nicht filmen. Aber mein Wunsch Anna Halprins Leben und ihrer Kunst zu folgen war geweckt. Schon in den frühen 80er Jahren, war Annas Workshop eine wichtige Erfahrung für mich. Und zwanzig Jahre später realisierte ich, auf welche Weise sie ihre Vision im Umgang mit Bewegung und Performance entwickelte, um authentische persönliche Erfahrungen mit ihrer Kunst auf universelle Art zu vermitteln. 2004, am Ende des zweiten Workshops, fragte ich Anna, ob siebereit wäre, mit mir zusammen einen Film über ihr Leben zu machen. „Okay“, meinte sie sofort, „aber du musst dich beeilen, ich bin schon 83!“ Ein paar Monate später schickte ich ihr eine formelle Vereinbarung und war überrascht, als sie nicht unterschreiben wollte. Ein französischer Journalist verfolgte wegen eines Theater- und Tanzfestivals im Centre Pompidou in Paris bereits ein ähnliches Projekt. Enttäuscht gab ich die Idee auf.
Breath Made Visible

Im Sommer 2005 kehrte ich wieder nach San Francisco zurück, um an Annas jährlichem Workshop teilzunehmen. Nun fragte mich Anna, ob ich mit ihr zusammen an einem Film zu „Seniors Rocking“ arbeiten wolle, ein Tanzstück, mit dem Anna älteren Menschen helfen wollte, ihre Klischeevorstellungen vom Älterwerden zu überwinden. Ihr Filmkonzept war, die Performance um die persönlichen Geschichten der Teilnehmer zu erweitern und so der Frage nachzugehen: Was ist das Wichtigste im Leben? Sie suchte nach Geschichten, die von Herzen kamen, und welche die Teilnehmer ihren Kindern, Enkeln und Freunden hinterlassen wollten.
Da ich Anna inzwischen gut kannte und wusste, wie sie eine persönliche Frage in ein großes Ereignis zu verwandeln vermag, machte ich sie darauf aufmerksam, dass dieses Projekt auch ihr Vermächtnis berühre. Erneut kündigte ich mein Interesse an, ihr Leben zu dokumentieren. Anna überlegte einen Moment, dann plötzlich lud sie mich ein bei ihr zuhause zu filmen. Sie erklärte sich nicht nur dazu bereit, mir Zugang zu ihrer Vergangenheit und ihrem Werk zu gewähren, sondern auch ihren Mann, den bekannten Architekten Lawrence Halprin, in das Projekt mit einzubeziehen. Seit jenem Nachmittag, in ihrer Küche, hat sie mir eine Tür ihres Lebens nach der anderen geöffnet. Dies führte dazu, dass ich nicht nur „Seniors Rocking“, sondern auch alle ihre wichtigen Shows, Vorlesungen und Workshops, ihre Performances in San Francisco, ihre Arbeit in der Natur, ihre verschiedenen Unterrichtsklassen, ihr jüngstes Werk „Rodin“, sowie den 90. Geburtstag ihres Mannes und ihre Arztbesuche filmen und dokumentieren konnte!
Ich entdeckte, wie verflochten Annas persönliches Leben mit ihrem Leben als Künstlerin tatsächlich war. „Es besteht keine wirkliche Trennung“, betonte eine ihrer Töchter ironisch. Anna Halprin pflegt das, was sie als „Leben- Kunst-Prozess“ bezeichnet, und integriert die Auf und Abs in ihrem Leben immer wieder in ihrer kreativen Arbeit – so auch die Themen Altern und Tod. In „Intensive Care“ schafft sie es, die Furcht vor dem Tod ihres Mannes mit ihrer eigenen Angst vor dem Tod in eine kraftvolle und zugleich universell gültige Choreografie umzusetzen. Mit 85 Jahren spielt sie am Ende des Stücks ihren eigenen Tod. Damit schuf sie nicht nur einen unvergesslichen, visuellen Höhepunkt des Stücks sondern auch des Films Breath Made Visible.
Anna Halprin ist eine leidenschaftliche, besessene Künstlerin, die ihr ganzes Leben in ihre Kunst und ihre ganze Kunst in ihr Leben verpackt. Mit ihren Performances fragt sie nach der wahren Bedeutung des Lebens. Wie kann Kunst uns helfen, mit dem Leben zurechtzukommen? Warum machen wir Kunst? In einem späten Interview sagte Anna, sie hoffe, den Tanz neu definiert zu haben. Diese Neudefinition schaffen nicht nur junge Körper auf der Bühne, nein, sie vollzieht sich in jedem Alter.
Das Ergebnis unserer langen Zusammenarbeit sind drei Filme, die nicht nur Annas einzigartige Geschichte von ihren wegweisenden Performances der 1950er- und 1960er Jahre bis zu ihren aktuellen Soloperformances vor uns entfalten, sondern auch erzählen, wie ihr Leben und Werk die wahre Bedeutung von Tanz illustrieren sowie dessen Macht, uns zu helfen, nicht nur unser Leben zu bewältigen, sondern es auch zu verändern und uns selbst dabei treu zu bleiben. Im Zentrum geht es um unsere Werte und darum, wie wir authentisch bleiben und uns im 21. Jahrhundert selbst erleben können.
Ich wollte Anna auf ihre einzigartige Weise durch ihr eigenes Leben tanzen lassen. In den Filmen wird der Tanz zum Mittel, das Leben selbst anzusprechen und all das, was im Leben wirklich wichtig ist. Tanz bringt Menschen zusammen, er schafft Gemeinschaft. Merce Cunningham sagte: „Anna ist eine Prophetin, eine Philosophin“.

Zur Biografie von Ruedi Gerber
Breath Made Visible
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