Anna Halprin

Hundert Jahre Anna Halprin


„Für mich ist Radikalität der Schlüssel zum zeitgenössischen Künstlersein. Dies umfasst das Reagieren auf das, was in der Welt geschieht. [...] Mich interessiert Kunst, welche mit dem Leben verbunden ist, in welcher soziale, politische, spirituelle und ästhetische Fäden auf reale Weise ineinander verwoben sind. Was mich spezifisch beim Tanz inspiriert, ist seine Kraft zu lehren, zu inspirieren, zu heilen und zu verwandeln. Ich möchte aus der lebendigen Erfahrung heraus tanzen und meiner Kunst erlauben, mein Leben zu vertiefen, während mein Leben meine Kunst erweitert.“ (Anna Halprin, 2015)

Wer hätte gedacht, dass Anna Halprins Leben und Werk dereinst ein ganzes Jahrhundert umfassen würde? Zumal die Tänzerin, Künstlerin, Lehrerin und Aktivistin in der Mitte ihres Lebens mit Krebs kämpfte und ihn erst nach mehreren Anläufen besiegte?
Es ist bereits zehn Jahre her, seit Ruedi Gerber seinen grossartigen Film Breath Made Visible weltweit in die Kinos brachte und damit für Viele erstmals das gesamte Schaffen von Anna Halprin präsentierte. Denn die Künstlerin hat nicht nur ihr gesamtes Leben dem Tanz gewidmet, sondern alle Aspekte ihres Lebens und Werkes in den Tanz integriert. Dies umfasst in jüngerer Zeit Tanzaufführungen, die sich mit Krankheit, Älterwerden und Sterben beschäftigen, doch reicht es zurück bis zu den Anfängen ihrer Tanzlaufbahn in den 1930er Jahren, in denen sie sich mit ihrem kulturellen Erbe befasste, dann tänzerisch den Alltag zu erkunden begann und ihre Familie sowie ihre Community in ihr tänzerisches Werk einbezog. Zwar als Modern Dancer ausgebildet fand Halprin im Tanz eine Methode, ihre Beziehung zur Welt zu reflektieren und ihren individuellen Erfahrungen eine universelle Form zu geben.
Breath Made Visible

Von Beginn weg war Tanz in Anna Halprins Leben jedoch keine isolierte, introvertierte oder egozentrische Angelegenheit, sondern erwies sich als tiefgründige Auseinandersetzung mit ihrer Zeit, der Gesellschaft und den politischen Verhältnissen. Durch die Begegnung mit Lawrence Halprin, dem bedeutenden Landschaftsarchitekten und ihrem späteren Ehemann kam sie in Kontakt mit den Lehren des Bauhauses. Dies bewog die Tanzpionierin zum interdisziplinären Arbeiten in Gruppen. Sie gehörte zu den ersten Tänzer*innen, welche bewusst visuelles Material einbeziehen, sowie zusammen mit anderen Wegbereiter*innen, die Vorstellung von Tanz – auf der Schwelle vom Modern Dance zum Postmodernen Tanz – systematisch erweiterten: weg von der Bühne, weg mit Erzählung, weg mit vorbestimmter Choreographie, weg mit Symbolismus, weg mit Schweigen, weg mit der Trennung vom Publikum. Anna Halprins Weg führte hin zur Arbeit im Stadt- oder Landschaftsraum, hin zur Improvisation, hin zum Einbezug der emotionalen Erfahrung, den jede Bewegung auslöst, und hin zum Ritual im Sinne eines für eine Gruppe bedeutungsvollen Erlebnisses.
Breath Made Visible

Auf ihrem künstlerischen Weg erarbeitete sie mehr als 150 Tanzstücke, die weltweit aufgeführt werden, gründete Tanzgruppen – u. a. 1955 den San Francisco Dancers’ Workshop sowie mit ihrer Tochter Daria Halprin 1978 das Tamalpa Institute –, schrieb Bücher und unterrichtet seit den 1940er Jahren Menschen jeden Alters und jeder Vorprägung. Im Unterricht erprobte Halprin Verfahren, welche gleichermassen Freiheit wie Struktur in der Bewegung gewähren. Es interessierten sie die strukturellen Bedingungen mithilfe derer spontanes Verhalten im Tanz gefördert wurde, damit nicht stets dieselben Bewegungsmuster wiederkommen. Denn, da jede Bewegung an ein Gefühl gekoppelt ist, werden auch die immer gleichen Gefühlsmuster durchlebt. Durch Improvisation kann in einem umfassenderen Sinn Freiheit erlangt werden. Der Prozess ist dabei wichtiger, als das Resultat. Dies gilt umso mehr, als Halprin begann, in Community-Workshops gesellschaftliche und politische Anliegen aufzugreifen, um mitten in sozialen Brennpunkten auf Rassismus, Krieg und soziale Ausgrenzung zu reagieren. Die Strasse wurde zum neuen Schauplatz ihres künstlerischen Wirkens wie später die Landschaft oder die Natur als Gesamtes.

Halprins Weg nahm Vieles vorweg, was in der Bildenden Kunst seit den 1990er Jahren als „partizipative“ Kunst gang und gäbe geworden ist. Daher werden ihre Errungenschaften in der Tanzwelt genauso gefeiert wie im Bereich der Performancekunst. Nichtsdestotrotz entstand dieser Fokus aus der Befragung des Wesens von Tanz. Was ist die ursprüngliche Funktion von Tanz und wie kann diese in der Gegenwart aktualisiert werden? Halprins Krankheit, welche alles Bisherige infrage gestellt hatte, führte die Tänzerin zur Antwort: Tanz ist (auch) ein Moment, in dem ein Kollektiv zusammenfindet, um im Rahmen eines Rituals ein Anliegen zu würdigen. Diese letztlich therapeutische Haltung begründet heute Anna Halprins Vermächtnis, einerseits der Kunstform Tanz gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben und andererseits Tanz auch als Gefäss zu sehen, in dem gesellschaftlich oder individuell transformierende Erfahrungen durchlebt werden. Dank den insgesamt drei Filmen, welche Ruedi Gerber bis heute zu Anna Halprin realisiert hat, kann vertieft Einsicht in das monumentale Werke dieser aussergewöhnlichen Künstlerin gewonnen werden.

Von Kathleen Bühler, Kuratorin am Kunstmuseum Bern, 2010 lernte sie Anna Halprin anlässlich der Uraufführung von Ruedi Gerbers Film „Breath Made Visible“ in Zürich kennen.
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